Lichtwolf Nr. 55 („Nasen & Füße“) (E-Book)

106 körperbetonte Seiten übers Laufen, Lecken, Duften und Riechen: Ballett, Hornhaut und Schweißfüße sowie Fliegen, Köln, Wilhelm Schapp und Peter Trawny.

3,99 

Beschreibung

Nasen und Füße haben vieles gemeinsam, was sie trotz und wegen ihrer Unterschiedlichkeit zum Ausgangspunkt der philosophischen und popkulturellen Exkurse dieser Ausgabe macht. Es sind seltsame Körperstellen, in der Kunst ohne Satire (oder Allgemeinheiten wie Haken-, Stups- und Knubbelnase) schwer darzustellen. Beim Fuß ist das entschuldigt dadurch, dass er uns meist in Socken und Schuhen verborgen begegnet, selbst wenn es der eigene ist. Nasen dagegen ragen uns kaum zu verbergen aus jedem Gesicht entgegen, nur die eigene bleibt spiegellos im toten Winkel.

In der Genesis hat Gott den Lebensodem dem Menschen durch die Nase eingeblasen, die am Kopf sitzt, von dem aus die Hegelsche Dialektik von Marx auf die Füße gestellt worden ist. Nasen und Füße verweisen einerseits auf den Mängelcharakter des Menschen, mit dem sich Marc Hieronimus eingangs (nach Bdolfs Propädeutikum) befasst. Vom niederen Menschsein hinauf zu den höchsten Künsten, die sich andererseits auf Füße und nasale Stimmorgane stützen (und diese damit zum Wohlgefallen des Publikums ruinieren) – namentlich Ballett und Tenorgesang – geht es mit dem sachkundigen Osman Hajjar.
Fuß- und Nasenfetischisten bietet diese Ausgabe nicht bloß mannigfache Wichsbilder, sondern auch theoretisch-literarisches Unterfutter. Dazu gehören neben Bdolfs übers ganze Heft verteilte füllosophische Döntjes zum Titelthema besonders Martin Köhlers Untersuchung des Popelns und das Portrait von Wilhelm Fließ und anderen Nasexuellen, welches das Institut für Polytoxikomanologie und Perspektivismus (IPuP) vorlegt.
Popeln kann man auch zwischen den Zehen, wo sich Hornhaut, Sockenflusen und geronnener Schweiß zu einem infektiösen Bio-Parmesan verdicken: Mit dem Gehen als schwieriges Wandern in der Literaturgeschichte befasst sich Jürgen Nielsen-Sikora, während Reiseessayist Michel Helming so weit die Füße tragen aus der Praxis von Homer, Hornhaut und Gastfreundschaft referiert. Aus diesen Sphären des Fußgebrauchs im hundert Jahre währenden Zeitalter seiner technischen Ersetzbarkeit (Stichwort: ökologischer Fußabdruck) stammt auch Karl Krausens Ode auf den Fort-Schritt, an die weiter hinten ein Fackel-Text über Irrationalismus am Beispiel von Fußschweißbehandlungen anknüpft.
Damit ist der Bogen geschlagen zum Topos Riechen, das Nasen und Füße – aktiv und passiv – gemein haben. Georg Frost schlägt zu diesem Unterthema das Ästhetik-Handbuch auf. Stefan Rode liest aus Süskinds „Das Parfum“ eine Kulturgeschichte von Duft und Gestank heraus und abermals Kollege Frost geht am Riechkolben vorbei in die Nebenhöhlen, deren Funktion bis heute unklar ist. Und noch ein Stück weiter geht Wolfgang Schröder unter der Fragestellung, wie die Welt in den Schädel hinein- und die Kunst aus diesem herauskommt.

Der tragbare Gedanke eröffnet den hinteren Heftteil, worin Schneidegger die Geschichtenphilosophie Wilhelm Schapps auf politische Erzählungen wie die Kölner Silvesternacht anwendet, mit der sich auch Osman Hajjar befasst und für eine Überwindung von Orientalismus und Okzidentalismus plädiert. Tobias Stenzel stellt die Fliege als Viehlosovieh und Michael Helming den vergessenen Kant-Übersetzer und Kultgründer Edgar James Neal vor. Nach den Kurzrezensionen folgt die Langrezension bzw. Übersetzung von Peter Trawnys „Technik.Kapital.Medium“ aus Schneideggers Feder, eine Feier toter Handwerker durch Bedolf und die Aphorismen pro domo et mundo. Gekrönt wird diese Herbstausgabe von Patrick McGrath Muñiz’ Gemälde „Adoracion Capital“, das die Rückseite des Hefts ziert.